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WochenBeiträge

Diese publizieren wir generell jeweils am Sonntag und werden ermöglicht durch

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WochenBeitrag Nr. 8 | 52

Dreiecksbeziehung mit einem Heiligen

WB8 nepomuk 16

Sie gehört zum Stolz von Dornach wie die Ruine Dorneck oder das Goetheanum: die Nepomukbrücke. 1446 das erste Mal erwähnt, bildet der Übergang während Jahrhunderten die einzige Birsquerung zwischen Angenstein und Münchenstein. Der heilige Nepomuk, dem die Steinbrücke ihren heutigen Namen verdankt, steht indes erst seit 1735 an seinem Platz. Ein Arlesheimer Domkaplan hatte beim Solothurner Rat einen Antrag für die Aufstellung einer solchen Figur gestellt.

Bis in die 1950er-Jahre dient die Nepomukbrücke als Hauptverkehrsverbindung zwischen Reinach und Dornach. Weitere Brücken entstehen erst später. Bereits in den 30er-Jahren ist jedoch klar: Die schmale Passage kann dem steigenden Verkehrsaufkommen nicht gerecht werden. Ideen eines Neubaus an ihrer Stelle scheitern jedoch an Protesten. Und auch die bauliche Entwicklung der Brückenumgebung stösst auf Ablehnung.

1956 schreibt etwa Otto Kaiser, auf dessen Initiative die Gründung des Heimatmuseums in Dornach zurückgeht, im «Jurablatt» verärgert: «So wurde nach und nach die Umgebung der Brücke verschandelt, und keiner will mehr die Schuld dafür tragen.» Ein klares Beispiel für die «trüben Nebenerscheinungen der Wirtschafts- und Gewerbefreiheit», urteilt Kaiser weiter und stellt fest: «Die imposante Statue des heiligen Nepomuk und eine neu entstandene Insel, belebt mit Schwänen, scheinen die einzigen Dinge zu sein, mit denen man heute noch Staat machen könnte für die einstmals so berühmte Brücke von Dornach.»

«Berühmt» ist der Birsübergang spätestens seit jener Tragödie im 19. Jahrhundert, die sich tief im kollektiven Gedächtnis von Dornach verankert hat: Im Juli 1813 sorgen ungewöhnlich starke Regenfälle für massives Hochwasser. Die Birs tritt über die Ufer und bildet gar einen schmutzigen See. Unzählige Schaulustige finden sich auf der Brücke ein, um den Wassermassen und den Räumarbeiten zuzuschauen. Doch plötzlich stürzt der Dornacher Teil der Brücke ein. 48 Menschen werden mitgerissen, 37 von ihnen sterben.

Die Figur des Brückenheiligen indes überlebt die Flut; sie prägt Dornach über die Jahrzehnte. Doch eigentlich steht Nepomuk gar nicht auf Solothurner Boden. Zwar war die Figur ursprünglich der Kirche Dornach gespendet worden, sie steht jedoch seit jeher im Kanton Baselland – nämlich auf Reinacher Boden. Bis ins Jahr 1939 teilen sich die benach-barten Gemeinden ihren Nepomuk friedlich. In jenem Jahr jedoch beschliesst der Kanton Solothurn, die Figur künftig im Heimatmuseum aufzubewahren. Auf der Brücke wird eine Kopie der Figur installiert. Das hingegen passt den Reinachern gar nicht. Sie fordern ihr Original zurück. Erst 1940 kann der Streit beigelegt werden, als Reinach von seinem Anspruch auf den Brückenheiligen zurücktritt.

Betrachtet man den Grenzverlauf heute, so werden Spitzfindige merken: Gar eine dritte Gemeinde mischt im Ringen um Nepomuk noch mit. Das Hinterteil der Statue des heiligen Nepumuk gehört nämlich seit einer Umzonung im Jahre 1971 zu Aesch. Eine Dreiecksbeziehung also!


WochenBeitrag von Fabia Maieroni


Drohnenaufnahme von CS Creative Services Claudia Schreiber


Unser lokales Autorenteam

Fabia
Maieroni

Fabia Maieroni (31) leitet seit viereinhalb Jahren das Wochenblatt für das Birseck und Dorneck als Chefredak­torin und ist mit der Region bes­tens vertraut.

Tobias
Gfeller

Tobias Gfeller (40) ist ebenfalls seit zwei Jahrzehnten als Journalist tätig und berichtet für diverse lokale und regionale Zeitungen über das Geschehen in der Region.

Caspar
Reimer

Caspar Reimer (42) ist in Reinach aufgewachsen und seit jeher privat sowie beruflich mit dem Birseck verbunden. Seit zwan­zig Jahren ist er als Journalist unter­wegs.


Bereits publizierte WochenBeiträge

WB Nr. 7|52: Bangen. Streiten. Pumpen.

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«Wie Reinach sein Wasser suchte». Der Titel des Buches von Theo Heimgartner, der in Olten lebt, aber eng mit Reinach verbunden ist, deutet es an: Die Beziehung zwischen dem Rohstoff Wasser und der Ortschaft Reinach war über Jahrhunderte krisenhaft, von Unzulänglichkeiten geprägt, von Streitereien begleitet. Das mag wundern, fliesst doch mit der Birs ein stattlicher Fluss längs der Gemeindegrenze entlang und Namen wie Fleischbachstrasse oder Brunngasse deuten auf die Präsenz von Wasser hin. Noch bis in die 1930er-Jahre war das Gebiet der heutigen Schulbauten Bachmatten, Weiermatten und Lochacker eine weite, sumpfige Flur, wo Störche pudelwohl ihr Dasein genossen.

Die andere Seite der Medaille: Der Reinacher Boden ist flach und von Löchern durchzogen, liegt der Ort doch auf einer rund 20 Meter dicken Geröllschicht – Gestein, das in Eiszeiten von Ur-Wiese und Ur-Aare ins Birsecker Becken gescho-ben wurde. Wasser, das von den umliegenden Hügeln Schlatthof und Bruderholz ins Tal floss, versickerte im Boden und die im Jahresmittel geringe, im Sommer sogar gar nicht vorhandene Wasserführung erlaubte es nicht, die ganze Ebene zwischen Aesch und Münchenstein nutzbringend zu bewässern. Unstete Bäche, die entweder Rinnsalen glichen oder die Umgebung gleich überfluteten, zogen sich durch das Gemeindegebiet – genannt seien hier der Fleischbach im Norden Reinachs oder Lei- und Erlenbach, deren Fortsetzung zwischen der heutigen Alten Ettingerstrasse und Coop als Dorfbach bezeichnet wird. Der Bogen, den die Hauptstrasse durch den Ortskern zieht, zeichnet den Verlauf des Dorfbachs.

Im 18. Jahrhundert leitete der Bischof wasserbauliche Verbesserungen ein und im 19. Jahrhundert erwarben die Basler Familien Landerer und Wieland Landgüter in Reinach und schenkten den Bauern auf dem Land sogar den Dorfbrunnen, der 1829 eingeweiht wurde. Um diesen mit Wasser zu versorgen, mussten einige Kniffs überwunden werden – schliesslich gelang es, das Wasser am Hollenweg zu fassen und den Rebberg hinunter zum Brunnen zu leiten. Doch trotz aller Entwicklung: Wassermangel blieb in Reinach ein Thema, führte zu Streit und Quälereien – 1904 soll eine Brauerei etwa verbotenerweise Wasser für sich abgezweigt haben, was den Wassermangel noch verstärkte. Aufgeklärt wurde der Fall nicht, doch grosser Krach im Dorf war die Folge. Zwischen Reinach und seinen Nachbarn im Leimental war nicht gut Kirschenessen: Therwil wollte den Reinachern verbieten, Wasser vom Fleischbach, der auf seinem Boden entspringt, zu nutzen.

Technisch lagen Pläne auf dem Tisch, von der Quellwasser- zur Pumpwasserversorgung zu wechseln. Doch finanzielle Schwierigkeiten und Streit lähmten die Entwicklung. Nach jahrzehntelangem Hickhack baute Reinach 1919 unterhalb von Dornachbrugg das Grundwasserpumpwerk und setzte dabei den Wendepunkt in der Wasserversorgung der Gemeinde. Heute sind Biel-Benken, Bottmingen, Ettingen, Oberwil und Therwil ans Wasserwerk angeschlossen. Rund 56’000 Menschen trinken heute friedlich das Wasser aus dem hiesigen Werk.


WochenBeitrag von Caspar Reimer


Erworbenes & manipuliertes Symbolbild

WB Nr. 6|52: Der Fasnachtsretter und die süsse Versuchung

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Die Reinacher Fasnacht ist eine der grössten und beliebtesten der Region. Der Umzug füllt den ganzen Dorfkern, Tram und Bus fahren an jenem Tag nicht. Ein Anlass mit langer Tradition, denken Sie jetzt sicherlich? Nun, tatsächlich gäbe es die Reinacher Fasnacht ohne das beherzte Engagement eines «Fasnachtsnarren» – hier buchstäblich gemeint – heute wohl nicht mehr.

Doch von Anfang an. Früher fand das fasnächtliche Treiben vornehmlich in den Reinacher Beizen statt. In den Wirtschaften herrschte zwischen dem «Schmutzige Donnschtig» und dem «Äscher-Mittwuch» Hochbetrieb. Nur am Herrenfasnachtssonntag schlängelte sich ein kleiner Umzug durchs Dorf, angeführt von einem alten grünen Traktor. Auf diesem sass René Oser, Malermeister und Dorfunikum. «Unser Wagen war mutterseelenallein unterwegs und wir warfen den einzelnen Leuten Orangen, Dääfi und Konfetti raus», erinnert sich Sohn Markus Oser, selbst aktiv und Mitglied im Fasnachtskomitee.

Das fasnächtliche Treiben wurde über die Jahre jedoch nicht bunter, sondern immer ruhiger. 1987 kam es schliesslich fast ganz zum Erliegen: Radio Basilisk gab in den Nachrichten bekannt, dass die Reinacher Fasnacht de facto gestorben sei. Als René Oser dies hörte, wurde er wütend und wies seinen Sohn an: «Such mir die Telefonnummer raus, ich werde denen schon sagen, dass wir in Reinach weiter Fasnacht machen! » Und er versprach nicht zu viel: Innert eines Monats war die Reinacher Fasnacht gerettet. In den folgenden Jahren wurde der Umzug auf den Samstag verlegt, um nicht in Konkurrenz zu stehen mit den anderen Gemeinden. René Oser, zum Ehrenobmann der Reinacher Fasnacht erkoren, war bis zu seinem Tode im Jahr 2010 aktiv. Und der legendäre Traktor? Er fährt nach einer Motorrevision wieder und führt die Oser-Clique weiter an.

Neben dem Umzug am Samstag ist auch die Schulfasnacht über die Jahrzehnte immer grösser geworden. Was in den 60er-Jahren am Schmutzige Donnschtig mit einem Umzügli vom Dorf zur Weiermatthalle begann, ist heute ein grosser Umzug mit fast 1500 Kindern. Und seit fünf Jahrzenten freuen sich Generationen von Schulkindern an jenem Tag vor allem auf eines: die Fasnachtschüechli.

1974, also vor genau vor 50 Jahren, schlossen sich einige Ehefrauen von Zunftbrüdern der Zunft zu Rebmessern zusammen, um den Kindern die frittierten Chüechli zu backen. Die Tradition der Süssspeise geht auf die Wirtsfrauen der Reinacher Restaurants zurück. Sie verteilten die Chüechli während der Fasnachtstage gratis an ihre Gäste. Die «Chneublätz», wie die Teigspeise übrigens auch heisst, weil sie die Bäckerinnen früher mithilfe ihrer Knie formten, servierten die Frauen in grossen Weidekörben.

Die Mengen, die die 16 aktiven Chüechlifrauen heute verbacken, sind beachtlich: 50 Kilogramm Mehl, 10 Kilogramm Zucker, 3,5 Kilogramm Butter, 3,5 Liter Rahm, 330 Eier, 85 Liter Öl, 10 Kilo Puderzucker, 7.5 dl Kirsch und 500g Salz werden während drei Tagen zu 10’000 Fasnachtschüechli verarbeitet. Genug also für alle kleinen und grossen Fasnächtler.


WochenBeitrag von Fabia Maieroni


Erworbenes & manipuliertes Symbolbild

WB Nr. 5|52: Boomer: Vieles ersetzen – Perlen bewahren

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Baustellen geniessen einen schlechten Ruf. Insbesondere dann, wenn die Bagger gleich neben dem eigenen Haus anrollen, mit infernalem Lärm die beschauliche, über Jahre angesparte heimische Idylle zunichtemachen. Gerade in Reinach sorgen Bauprojekte für gereizte Gemüter. Jede grüne Fläche werde zugepflastert, Einfamilienhäuser abgerissen und durch Wohnklötze ersetzt, der Verkehr stehe kurz vor dem Kollaps. Man muss nicht weit suchen in Reinach, um auf diese Klagen zu treffen. Fast schon gebetsmühlenartig weisen Politiker darauf hin, es ginge nicht darum, Neues zu bauen, sondern Altes zu ersetzen.

Wer denkt, Reinach sei einer nie dagewesenen Bauwut verfallen, dem sei ein Blick in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts empfohlen: Von den 9462 Wohnungen und Häusern, die im Jahr 2019 in Reinach Menschen beherbergten, wurden nur elf Prozent nach der Jahrtausendwende erbaut. Mehr als die Hälfte, 56 Prozent, stammen aus der Zeit zwischen 1960 und 1980. Damals – als Reinach endgültig aufhörte, Bauerndorf zu sein – schossen Einfamilienhäuser, Wohnblöcke, Schulhäuser wie die Pilze aus dem Boden. Weil die Vorgaben im Gebäudebau stofflich wie energetisch und die Ansprüche der Menschen 60 Jahre später andere sind, sieht sich die Gemeinde veranlasst, Bauten zu ersetzen. Ein vieldiskutiertes Beispiel ist das Schulhaus Surbaum, das für 49 Millionen Franken neu gebaut wird. Hinzu kommt: Um eine weitere Zersiedelung zu bremsen und Naturräume zu schützen, muss nach Innen gebaut und verdichtet werden.

Es gibt aber auch einige wenige Bausteine der Boomer-Jahre, die keineswegs ersetzt, vielmehr sogar unter Schutz gestellt werden. Ein Beispiel ist das Haus Nummer 5 der im Norden Reinachs gelegenen, in den 1960er-Jahren erbauten Siedlung mit dem anheimelnd klingenden Namen «In den Gartenhöfen». Es wurde 2021 per Regierungsratsbeschluss zum Kulturdenkmal erklärt.

Die auf freiem Feld erbaute Siedlung, die als Ganzes bereits im Bauinventar Baselland und in den Zonenvorschriften der Gemeinde als «schützenswert» aufgeführt ist, gilt als einzigartiges, gut erhaltenes Beispiel verdichteten Bauens in der Nachkriegszeit. Da das Haus Nummer 5 ein Kulturdenkmal ist, sind alle baulichen Massnahmen im Inneren wie am Äusseren bewilligungspflichtig. Die Siedlung «In den Gartenhöfen» ist Ausdruck ihrer Zeit, denn wegen steigender Baukosten und Landpreise während der Hochkonjunktur wurde das Einfamilienhaus ab Ende der 1950er-Jahre ein Luxusgut, das einer oberen Mittelschicht vorbehalten blieb. Die Basler Architekten Löw und Manz tüftelten an der Konzeption von Einfamilienhäusern, welche für eine breitere Bevölkerung erschwinglich sein sollten. So musste der Anteil an Land pro Haus gesenkt werden, ohne dass dies auf Kosten der Wohnqualität oder der Privatsphäre gehe. «In den Gartenhöfen» ist allerdings nicht die einzige Siedlung in Reinach, die nach diesem Muster errichtet wurde: Auch die Überbauung «Im Pfeiffengarten» im südlicheren Teil der Gemeinde trägt dieselbe Handschrift.


WochenBeitrag von Caspar Reimer


Foto von CS Creative Services Claudia Schreiber

WB Nr. 4|52: Verwunschen und geheimnisvoll

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Haben Sie gewusst, dass es im Reinacher Leywald einen Pinguin hat, eine Elfe, einen kleinen Prinzen, einen Troll, einen Froschkönig und sogar einen Wolf, der über Rotkäppchen thront? Ja sogar die berühmten Globi und Pinocchio sollen dort schon gesichtet worden sein. Und es gibt noch viel mehr bekannte und unbekannte Wesen, die im Leywald «wohnen» und diesen zu einem verwunschenen und geheimnisvollen Ort verzaubern.

Insgesamt sind es heute rund 60 Figuren und eine Kugelbahn, die aus Holz geschnitzt den Leywald im Süden von Reinach zu einem besonderen Ausflugsziel für Gross und Klein aus der ganzen Region machen. Am 16. April 2005 wurde der Skulpturenweg durch die Bürgergemeinde Reinach eröffnet. Die Idee dazu hatte die damalige Bürgerrätin Vreni Schultheiss, die beruflich als Lehrerin im nicht weit vom Skulpturenweg entfernten Schulhaus Fiechten unterrichtet hat.

Im Auftrag der Bürgergemeinde schnitzten Künstlerinnen und Künstler Skulpturen zum Thema «Märchen». Der Weg wurde mehrmals erweitert, neue Künstlerinnen und Künstler hinterliessen an Baumstrünken mit Fantasie und handwerklichem Geschick ihre Spuren. Zu ihnen gehört der Reinacher Christof Burkhardt. Der gelernte Zimmermann und heutige Berufsschullehrer schnitzt seit 2006 Holzskulpturen. Bekannt ist er für seine menschlichen Figuren und Fabelwesen, die den Originalen sehr nahekommen. «Ich bin ein naturalistischer Künstler mit sehr viel Liebe zum Detail.» Aus seinen Händen stammen unter anderem der «Pfiffikus», der Waldgnom am Eingang zum Skulpturenweg, und die grosse Hexe, die Vreni Schultheiss anlässlich ihres Rücktritts aus dem Bürgerrat der Reinacher Bevölkerung geschenkt hat.

Die schöne und zugleich traurige Vergänglichkeit

Die Vielfalt an Skulpturen ist gross. Von millimetergenau bis abstrakt – der Holzkunst sind fast keine Grenzen gesetzt. Bis wenige Zentimeter an die Feinheiten heran arbeitet Christof Burkhardt mit der Kettensäge. Die meisten Skulpturen sind aus Eichenholz. Dieses sei dank der Gerbsäure resistenter gegen Pilz- und Wurmbefall. «Dafür ist es härter zum Verarbeiten», verrät Burkhardt. Die Arbeiten am Skulpturenweg seien für ihn als Reinacher eine Herzensangelegenheit gewesen. «Ich würde es jederzeit wieder tun, weil ich sehe, wie viel Freude der Skulpturenweg den Menschen macht.»

Bis auf die Hexe – sie hat ein Dach über den Kopf erhalten – sind alle Skulpturen der Witterung ausgesetzt. Dazu kommt die grundsätzliche Vergänglichkeit von Holz. Das sei einerseits schön, weil sich dadurch der Charakter der Skulpturen verändert, findet Künstler Christof Burkhardt, tue aber auch ein bisschen weh, wenn man weiss, wie sie einst ausgesehen haben. Infolge der Vergänglichkeit entstehen auch immer wieder neue Skulpturen.

Und wenn man die Ohren spitzt – quasi so wie ein Troll – hört man es im Leywald flüstern, es könnten in Zukunft weitere Skulpturen dazukommen. Der Weg lebt, genauso wie die Skulpturen selbst.


WochenBeitrag von Tobias Gfeller


Link zu Holzskulpturenweg Bürgergemeinde Reinach


Foto Pinguin (Boulders Beach, Südafrika) von Claudia Schreiber

WB Nr. 3|52: Zeugen der Zeit

grenze

Warum gehört der Wald nordwestlich des Hollen-, Hinterlinden- und Buchlochwegs fast gänzlich zu Therwil, warum die Birs ganz zu Reinach und nicht hälftig zu Arlesheim und warum gehört der Brunnagger, dieser kleine rechteckige Fleck nördlich des Spitzhägli, nicht zu Bottmingen, sondern zu Reinach?

Grenzverläufe sind oft logisch – entlang von Strassenzügen, in der Mitte von Gewässern, durch Täler, entlang von Hügelzügen und Bergketten – aber manchmal eben auch nicht. So auch in Reinach. Selbst Kantonsgeometer Patrick Reimann kann sich solche Spezifitäten des Grenzverlaufs rund um Reinach nicht erklären. «Vielleicht gehörte das Stück einem mächtigen Bauern, der unbedingt wollte, dass es zu Reinach gehört», rätselt Reimann über den Brunnagger, diese gefühlte Enklave.

Der Grenzverlauf rund um Reinach ist gemäss Daten der Amtlichen Vermessung Baselland 16152,4 Meter lang. Südlich grenzt Reinach an Aesch, östlich an Arlesheim, nördlich an Münchenstein, nordwestlich an Bottmingen und westlich kurz an Oberwil und lang an Therwil. Wegen rund 130 Metern gehört Ettingen nicht dazu. Reinach verfügt aber auch über zwei Kantonsgrenzen: Auf dem Bruderholz auf knapp 480 Metern Länge zur Stadt Basel und somit zum Kanton Basel-Stadt und auf der äusseren Seite der Brüstung der Nepomukbrücke auf wenigen Metern zur Gemeinde Dornach und somit zum Kanton Solothurn. Entsprechend verfügt Reinach auch über Kantonsgrenzsteine. Insgesamt sind es neun Stück. Ihre Bedeutung ist heute dank Satellitenvermessung und Koordinaten vorwiegend symbolischer Natur. Für den Baselbieter Kantonsgeometer Patrick Reimann haben die Grenzsteine «kulturhistorischen Wert». Man dürfe Grenzen auch sehen.

13 Millimeter von 1893 bis 2022

Der 13. Mai 2022, als die Kantone Baselland und Basel-Stadt auf dem Bruderholz an der Predigerhofstrasse bei Reinach den Grenzstein mit der Nummer 84 neu setzten, war dies ein ganz besonderer Tag. Entscheidend für die Lage der Grenze ist aber nicht der Stein an sich, sondern die Tonscherbe als «Lohe» tief unten im Boden. Sie markiert mit zwei Kieselsteinen als «Zeugen» den historischen Grenzpunkt. Der Grenzstein hat sich in über 100 Jahren nur gerade um 13 Millimeter von der Scherbe verschoben, wie Messungen vor der Herausnahme zeigten. Den Grenzstein 85 am nächsten Grenzknick wurde einer Totalrestauration unterzogen. Er ist besonders, weil auf allen vier Seiten Wappen aufgezeichnet sind. Besonders ist auch der Grenzstein 8A im Naturschutzgebiet an der Birs zu Dornach. Er ist dreieckig, obwohl nicht drei Gemeinden oder drei Kantone dort zusammenkommen.

Ein weiterer Spezialfall zeigt sich beim Erlenhof, bei dem die Grenze zwischen Reinach und Therwil quer durch mehrere Gebäude verläuft. «Heute würde das nicht mehr gehen», urteilt Patrick Reimann. Gebäude quer auf Grenzen zu bauen sei verboten. Sollten sich die Gemeinden Reinach und Therwil einigen, wäre ein Landabtausch möglich, um die Richtigkeit wieder herzustellen. Auch 850 Jahre nach der Ersterwähnung geben die Grenzen von Reinach zu reden.


WochenBeitrag von Tobias Gfeller
Foto von CS Creative Services Claudia Schreiber
(beim Heimatmuseum Reinach)

WB Nr. 2|52: Zwei Generationen – eine Heimat

milch blank

Dörfer und Städte wandeln sich über die Jahrzehnte genau so wie ihre Einwohnerinnen und Einwohner. Jede Generation prägt eine Gemeinde politisch, kulturell, gesellschaftlich. Eine Grossmutter und ihr Enkel erzählen, was Reinach für sie bedeutet. 68 Jahre trennen die beiden. Eine Zeit, in der sich vieles verändert hat – und doch einiges gleichgeblieben ist.

Grossmutter: «Reinach, das bedeutet für mich Heimat und Bürgerort. Ich bin jetzt 82 Jahre alt, bin im Dorfzentrum aufgewachsen, habe unter anderem bei Habasit gearbeitet und in der Gemeinde politisiert. In den letzten Jahrzehnten hat sich Reinach stark verändert. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf, jeder hat jeden gekannt. Dann sind viele Menschen zugezogen und heute ist Reinach eine Stadt.»

Enkel: «Die richtige Stadt, das ist für mich Basel. Reinach ist eher eine Kleinstadt – gerade so, dass es genug Angebote gibt für Kinder und Jugendliche: Zum Beispiel die Jugendfeuerwehr, deren Mitglieder aus dem ganzen Birstal kommen. Als Kind fand ich die Gluggerbahn auf dem Skulpturenweg immer ganz toll. Und unsere Badi mag ich auch sehr. Da bin ich viel mit meinen Freunden – der Sprungturm und das Olympiabecken sind die Highlights.»

G: «Die Badi entstand erst in den 50er-Jahren. Davor haben wir in der Birs gebadet. Und im «Schissibächli» - so nannten wir den Dorfbach, der an der Brühlgasse und unten am Dorf noch nicht eingedolt war – sind wir auf dem Hosenboden in die Birs gerutscht. Er stank fürchterlich nach Fäkalien und Abfällen. Apropos: Die Abfälle haben wir Mitte der 1940er-Jahre noch im Grienloch entsorgt.»

E: «Was?! Wie?»

G: «Mit dem Leiterwägeli gingen wir an die heutige Ecke Bruggstrasse/Schalbergstrasse und warfen alles rein. Die Deponie wurde später ausgehoben und heute stehen Wohnhäuser darauf. Das waren noch andere Zeiten. Früher gingen wir auch noch die Milch mit dem Kesseli im Milchhüsli holen. Milchmädchen – das war mein erster Verdienst. Als Lohn erhielt ich 70 Rappen und am Sonntag ein Stück Kuchen. Von dem Geld konnte ich mir einen 5er-Mogge kaufen.»

E: «Das kann ich mir nicht mehr so recht vorstellen. Wir kaufen unsere Milch fertig abgepackt im Laden.»

G: «Ja, das hat sich ziemlich verändert. Ich kaufe immer noch gerne im Dorfkern ein. Dieser hat sich übrigens, wie ich finde, nicht so stark gewandelt. Der Dorfcharakter ist noch immer spürbar.»

E: «Wärst du nie gerne an einen anderen Ort gezogen?»

G: «Ou nein, ich möchte hier nicht weg! Ich würde alles vermissen, meine Bekannten, meine Familie, alles. Reinach ist mein Zuhause und ich bin stolz darauf, Reinacherin zu sein! Heute ist es vielleicht nicht mehr so wichtig, woher man kommt. Die jungen Menschen sind mobiler.»

E: «Doch, Reinach ist auch mein Zuhause. Ich kann mir vorstellen, vielleicht mal für ein Jahr ins Ausland zu reisen. Aber ich glaube, dass ich immer wieder zurückkommen werde.»


WochenBeitrag von Fabia Maieroni
Fotocollage durch CS Creative Services Claudia Schreiber

WB Nr. 1|52: Mehr als eine Ortschaft

baby familie

Was ist Reinach?

Nüchtern betrachtet – frei von Selbstzweifeln, Spott, Überheblichkeit oder gar Grössenwahn – ist Reinach schlicht und simpel eine Ortschaft. Eine Ortschaft, wie es die vielen anderen Gemeinden in der Nachbarschaft sind, ja sogar das schöne Basel ist im Grunde nichts weiter als das, nur gibt es da eine Universität, zwei grosse Bahnhöfe, einen Flughafen, viele Museen, mehr Menschen. Wobei: Was die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner anbelangt, darf sich Reinach längst als Stadt bezeichnen – das geht in der Schweiz ab zehntausend plus einem Menschen. Im Sommer vergangenen Jahres hat eine Gemeindedelegation dem Baby Elio Glückwünsche überbracht – dem zwanzigtausendsten in Reinach lebenden Menschen.

Deshalb ist der Gemeindeslogan «Die Stadt vor der Stadt» gewiss keine Lüge, er trifft sogar ins Schwarze, legt man ihn wie folgt aus: Da gibt es die eigentliche Stadt, die sich nicht in erster Linie durch die Anzahl der in ihr lebenden Menschen definiert. Und es gibt gewissermassen die Stadt davor. Vor der eigentlichen Stadt. Dann ist Reinach also eine Stadt, aber eben doch nicht ganz. Um es auszudifferenzieren: Die Bevölkerungsentwicklung zeigt schon seit den 1970er-Jahren Richtung Stadt, die Planung und Verwirklichung von Quartieren mit ihren Begegnungs- und Freizeitzonen in den letzten zehn Jahren trägt städtischen Charakter. Und dennoch kitzelt der Slogan jenen, die sich an die 1990er-Jahre erinnern, ein leichtes Schmunzeln ins Antlitz, nannte sich Reinach doch damals «Ein Kaff mit Pfiff». Kein Reinacher hätte seinen Wohnort ernsthaft als Stadt bezeichnet, obwohl Reinach bereits damals die zweitgrösste Gemeinde im Kanton Basel-Landschaft war.

Die Selbstironie im damaligen Slogan deutet jedoch auf ein ähnliches Selbstverständnis damals wie heute hin – nur von der anderen Warte betrachtet: Man war vielleicht ein bisschen Kaff, aber eines mit Pfiff – also sicherlich mehr als ein langweiliges Dorf im Nirgendwo. Wer in dieser Zeit als Jugendlicher in Reinach lebte weiss: Reinach schien schon damals gross, mancher Jugendlicher bildete sich beim Rundblick in die Nachbarschaft darauf sogar etwas ein. Doch gab es diese Nischen, flauschige, vielleicht etwas abenteuerlich anmutende Plätzchen, die nicht einem klaren Zweck zugeordnet schienen – ein Paradies für Heranwachsende. Was das Siedlungsbild anbelangt, hat sich Reinach – gerade in den Neubauquartieren und natürlich im Wirtschaftsraum Kägen – klar Richtung Stadt bewegt.

Von dem, was vor 850 Jahren in einem Dokument des Bischofs von Basel als Rinacho erwähnt wurde, sind heute höchstens ein paar Steine vorhanden. Die Zeit vor 100 Jahren jedoch, als Reinach schlicht ein Bauerndorf war, lässt sich noch erahnen. Das dörfliche Erbe lebt etwa in den lokalen Zünften oder in traditionellen Vereinen weiter. Reinach ist also beides – noch ein bisschen Dorf, schon ein wenig Stadt. Man darf gespannt sein, wo die Reise hinführt.


WochenBeitrag von Caspar Reimer
Foto von Claudia Schreiber, CS Creative Services

12|2023: Im Lokalen verbunden

Journis 16

Liebe Leserin, lieber Leser

Im nächsten Jahr feiert Reinach sein 850-Jahr-Jubiläum. Grund genug, die «Stadt vor der Stadt» näher und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Reinach soll zu diesem Anlass eine Jubiläumsschrift mit 52 interessan­ten, skurrilen, fröhlichen, erhei­tern­den und überraschenden Ge­schichten erhalten.

Entstehen soll jedoch kein schwe­rer Wälzer, der dekorativ im Bücher­­regal steht und dort ver­staubt. Nein, das Ziel ist ein leichtes Buch zum Schmökern, ein soge­nanntes Coffeetable-Book, das man immer wieder zur Hand nimmt – und in dem auch altein­gesessene Reinacherinnen und Reinacher noch Neues erfahren.

Dieser Herausforderung stellt sich ein Team aus drei Autoren:

Fabia Maieroni (31) leitet seit viereinhalb Jahren das Wochenblatt für das Birseck und Dorneck als Chefredak­torin und ist mit der Region bes­tens vertraut.

Tobias Gfeller (40) ist ebenfalls seit zwei Jahrzehnten als Journalist tätig und berichtet für diverse lokale und regionale Zeitungen über das Geschehen in der Region.

Caspar Reimer (42) komplet­tiert das Autoren-Dreigespann, das sich im Jubiläumsjahr intensiv mit der zweitgrössten Gemeinde des Kantons auseinandersetzt. Er ist in Reinach aufgewachsen und seit jeher privat sowie beruflich mit dem Birseck verbunden. Seit zwan­zig Jahren ist er als Journalist unter­wegs.

Es warten spannende Geschichten auf uns alle – das Autorenteam freut sich, die lokalen Trouvaillen bald mit Ihnen teilen zu dürfen!


Text von Fabia Maieroni
Foto von Claudia Schreiber, CS Creative Services


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